Jahresrückblick 2025: Mein Weg zur Ironman 70.3-WM
von Jan Roeder

Was für eine Saison – ein persönlicher Jahresrückblick … mit Rennberichten vom Ironman 70.3 Tallinn (Estland) und vom Ironman 70.3 Phu Quoc (Vietnam)
Es begann 2024 in einer „Glühweinlaune“ auf dem Rostocker Weihnachtsmarkt. Wir besuchten dort einen Jugendfreund von mir. Er ist ebenfalls Jahrgang 1965 und als Triathlet bei „FIKO“ Vereinsmitglied. Nach dem hastigen Genuss von mehreren Gläsern „Eckes Winterzauber“ wurden dann Wettkampfpläne für 2025 geschmiedet. Alles mit dem Ziel, sich gemeinsam bei einem der vielen Ironman-70.3-Veranstaltungen für die Weltmeisterschaft 2026 in Nizza zu qualifizieren.
Für mich bedeutete das dann, wieder in ein halbwegs strukturiertes Training einzusteigen und dieses Mal auch kleinere Vorbereitungswettkämpfe in die Jahresplanung mit einzubauen.
Der geplante Wettkampf für die Quali war der Ironman 70.3 in Tallinn (Estland) im August 2025. Als zweite Chance, falls es in Tallinn nicht klappen sollte, hatte ich mir den Ironman 70.3 in Phu Quoc (Vietnam) ausgesucht, der im November 2025 ausgetragen werden sollte.
Die Vorbereitungen dazu liefen sehr gut. Ich kam bei der MTC-Winterserie im Februar/März schon ganz gut in Schwung. Ein erstes frühes Achtungszeichen war dann der Sieg beim Einzelzeitfahren „Rund um den Harz – light“ am Ostersonntag im April. Hier waren 145 km bei 1300 Hm zu bewältigen. Mit 4:58 h wurde es AK-übergreifend der 1. Platz mit neuem Streckenrekord.



Weiter ging es mit den Duathlons innerhalb des Duathloncups des TVSA. Hier konnte ich in Halle den 4. Platz in der AK belegen. Der Duathlon in Halle war als Deutsche Meisterschaft ausgeschrieben, sodass diese Platzierung für mich ein ganz gutes Ergebnis gewesen ist. Nach Halle folgten die Duathlons in Tangermünde und in Braunsbedra. Hier ließ ich nichts anbrennen, konnte bei beiden Wettkämpfen in der AK siegen und wurde somit auch Landesmeister im Duathlon.



Ende Mai dann der erste Triathlon, der Neuseenman. Da es noch früh in der Saison war, wählte ich die olympische Distanz. Die Halbdistanz war zwar auch im Angebot, aber ich fühlte mich vom Training her noch nicht so weit.
Trotz Massenstart beim Schwimmen, immerhin über 400 Starter, konnte ich mich aus dem Getümmel raushalten. Nach 2 Runden und der gewohnt bescheidenen Zeit ging es dann aufs Rad. Endlich mal eine Radstrecke, die ihren Namen auch verdient. Ausgezeichneter Asphalt, keine Schlaglöcher, keine schlecht eingefassten Gullydeckel, keine komplizierten Ortsdurchfahrten, kein Zickzack … einfach nur flach, breit, geradlinig und sauber. Nur eine Kurve und eine Wende auf der Strecke – das war was für den Jani, endlich mal wieder richtig „reinlatschen“, die reinste Hasenjagd.
Mit einem Durchschnitt von über 40 km/h über die 37 km konnte ich das mittelmäßige Schwimmen ausgleichen. Mit einem guten Gefühl ging es dann auf die 2 × 5-km-Laufstrecke. Es sind ein paar Höhenmeter drin gewesen, und auch die Temperatur von 28 °C machte mir ganz schön zu schaffen. Der Puls schwankte zwischen 175 und 180 bpm, viel zu hoch. Trotzdem konnte ich meine persönliche Vorgabepace über die Distanz halten und war dann nach genau 50 min Laufzeit im Ziel. Ich war danach ziemlich im Eimer, fühlte mich nicht wohl und benötigte fast eine Stunde, um wieder in den „Normalzustand“ zu kommen. Ich war etwas zu lange im „roten Bereich“ gelaufen. Aber die Mühen wurden belohnt. Platz 1 in der AK und mein erster Sieg bei einem Triathlon-Wettbewerb.


Drei Wochen später, Mitte Juni, stand dann der Arendsee-Triathlon an, welcher gleichzeitig als Landesmeisterschaft in der Mitteldistanz ausgeschrieben gewesen ist. Mit dem Schwung vom Neuseenman sollte es weitergehen.
Nach dem wieder nur mäßigen Schwimmen ging es hier auf die gesperrte Bundesstraße 190. Der Streckenverlauf und der Seitenwind spielten mir in die Karten. Abgesehen vom Teilstück in Arendsee war die Strecke flach und in akzeptabler Qualität. Blick frei geradeaus und drücken, drücken, drücken… Die Hasenjagd aus dem Mittelfeld war durch meine immer wieder nur mittelmäßige Schwimmleistung eröffnet.
Da es eine Wechselstrecke war, konnte ich die Abstände zu den vor mir liegenden Athleten erkennen. Daher ahnte ich in der 3. Runde, dass ich ziemlich weit vorn lag. Das Aha-Erlebnis dann in der Wechselzone: „Noch fast keine Räder da …“. Das hatte ich noch nie. Goiles Gefühl, 8. beste Radzeit aller 120 Athleten. An 6. Stelle liegend ging es dann auf die 2 × 10,5-km-Laufrunde. Meine Doreen als Coach hat die Zwischenzeiten und Abstände der Athleten in meiner AK mitgestoppt. Es waren über 10 min Vorsprung auf den Zweitplatzierten. Wegen des herausgefahrenen Abstandes auf dem Bike konnte ich den Laufsplit daher ruhig angehen lassen, ohne Verletzung oder Hitzekollaps zu riskieren. Die Trink- und Verpflegungsstrategie hatte zuverlässig funktioniert. Aber ziemlich anstrengend war es trotzdem. Umso glücklicher lief ich mit einer Gesamtzeit von 04:56:46 h und ca. 20 min Vorsprung auf den Zweitplatzierten als AK-Sieger und Landesmeister auf der Mitteldistanz ins Ziel.


Unmittelbar nach dem Arendsee-Triathlon ging es für 4 Wochen in eine geplante Auszeit. Schon Wochen zuvor hatte ich mich über eine kleine Beule in meiner Leistengegend gewundert. Diese bereitete keine weiteren Komplikationen oder Schmerzen. Doch irgendwie hatte ich das Gefühl, dass sie im Laufe der Zeit doch etwas größer wurde. Daher ging ich zu meinem Hausarzt, der einen „Kleinen Leistenbruch“ diagnostizierte. Puh, und das mitten in der Saison. Nach einem Chirurgenbesuch in Magdeburg war mir klar, dass ich mir besser noch eine zweite Meinung hinsichtlich einer anstehenden OP einholen sollte. Und damit schloss sich der Kreis: Kein Geringerer als mein Jugend- und Sportsfreund aus Rostock, mit dem ich die Aktion „Weltmeisterschaft 2026 in Nizza“ geplant hatte, erklärte sich bereit, die erforderliche OP kurzfristig in Rostock im Universitätsklinikum durchzuführen. Beruflich ist er als Oberarzt und Bauchchirurg dort tätig und eine Koryphäe auf seinem Gebiet. Nach der telefonischen Beratung, lange vor dem Arendsee-Triathlon, ging es von Arendsee mit allen für die OP erforderlichen Unterlagen gleich weiter nach Rostock. 2 Tage später fand dann die OP statt, mit optimalem Ergebnis … selbstverständlich. Doreen hatte für 3 Tage dort eine Ferienwohnung gemietet, sodass wir uns dann nach etwas Erholungszeit auf den Heimweg machen konnten. Dann hieß es für mindestens 2 Wochen Ruhe, kein Training. Nachdem die Fäden raus waren, konnte ich aber mit leichten Läufen das Training wieder aufnehmen. Nach dem Lauftraining war dann auch bald wieder Schwimmen möglich. Radeln kam wegen der Knickbewegungen im Leistenbereich dann ganz zum Schluss. Nach etwas über 4 Wochen fühlte ich mich wieder gut und wettkampfbereit.
In Ermangelung an Landesligawettkämpfen fuhr ich Ende Juli spontan nach Waren zum Müritztriathlon. Eine Nachmeldung vor Ort war möglich. Ich fühlte mich gut, jedoch kam nach dem Schwimmstart eine böse Überraschung. Durch den Massenstart und die Einengung der Schwimmstrecke durch eine Seebrücke kam ich unmittelbar nach dem Start in ein Getümmel und erlitt eine Panikattacke. Mit Müh‘ und Not konnte ich da rausschwimmen. Aufmerksame Beobachter der Streckensicherung kamen mit dem Boot an mich ran und gaben Hilfe. Ich musste erst einmal tief durchatmen und den Puls runterbringen. Nach 1-2 Minuten ging es wieder. Mittlerweile war das Athletenfeld weg, sodass wieder ausreichend Platz im Wasser war. Langsam kam ich dann auch in meinen (gemütlichen) Rhythmus, sodass ich die beiden Runden noch relativ gut überstand. Natürlich ging es erst einmal frustriert auf die Radstrecke. Die Frustration wuchs noch auf den ersten 5 Kilometern weiter an. Bei der Wettkampfbesprechung wurde zwar auf den „anfangs etwas holprigen Asphalt“ hingewiesen, aber was sich da auftat, war einer Sportveranstaltung unwürdig. Völlig zerschrabbelter Asphalt, Flickenteppiche und Schlaglöcher … Pfusch wurde mit Pfusch „beseitigt“, es war fürchterlich. Schlimmer wäre nur noch Kopfsteinpflaster oder ein Feldweg. Aber danach begann dann für mich der Wettkampf. Wieder eine Hasenjagd, jetzt nur noch intensiver, da ich von ganz hinten das Feld aufrollte. Die Strecke ist sehr windanfällig und hügelig, sodass ich vom Scheibenrad absah. Eine richtige Wahl, wie ich dann auch feststellte. In noch ganz manierlichem Tempo kam ich dann nach 2 Runden wieder in der Wechselzone an. Nach dem Wechsel ging es auf eine wunderschöne und flache Laufstrecke. Die selbst gesteckte Pace hielt ich Kilometer für Kilometer. Es keimte noch so etwas wie „Hoffnung“ in mir auf. 3 Kilometer vor dem Ziel konnte ich sogar das Tempo etwas anziehen. Zieleinlauf mit einer Halbmarathon-Zeit von unter 1:40 h. Kurzer Blick aufs Handy … Sieger in der AK und 32 Sekunden vor dem AK-Zweiten. Es hatte doch noch gereicht.


Nun waren es nur noch gut vier Wochen bis zum Ironman 70.3 in Tallinn, meinem ersten Versuch, mich für die WM zu qualifizieren. Ich nutzte die verbleibende Zeit für eine strukturierte Vorbereitung, hatte dabei aber immer im Hinterkopf: „Bloß nicht noch irgendwie verletzen!“
Doreen hatte den Wettkampf in Tallinn in ein dreiwöchiges Urlaubsevent mit verschiedenen Destinationen „eingebaut“. Es ging über Rostock, Bad Segeberg, Skive (Dänemark), Hanstholm (Dänemark) und Göteborg nach Stockholm. Von dort aus dann mit der Fähre nach Windau (Lettland) und anschließend quer durch Lettland nach Tallinn. Wir sind 4 Tage vor dem Wettkampf in Tallinn angekommen. Genügend Zeit, die Location näher kennenzulernen. Aber ich blickte mit Sorge auf die Wetter-App. Seit 3 Tagen wurde es immer kälter und ungemütlicher in Tallinn. Der Temperatursturz sollte bis über den Wettkampfsonntag hinausgehen. Dazu kamen Wind und Regen. Auch die Ostsee in der Bucht von Tallinn wurde von Tag zu Tag kühler. Hier muss man wissen, dass die Bucht nur sehr flach ist und die Wassertemperatur schnell der Lufttemperatur folgt.
Die Inspektion der Radstrecke war ein Fiasko. Der Verkehr war dicht, und nach 15 km fing es an zu regnen bzw. zu schütten. Da es nicht so aussah, dass es die nächsten Minuten wieder aufhörte, kehrte ich um. Völlig durchnässt, durchfroren und eingesaut kam ich dann wieder im Hotel an. Diese Ausfahrt hat erst einmal nichts gebracht.
Am nächsten Tag bin ich dann mal in der Ostsee gewesen. 17 Grad Wassertemperatur bei 18 Grad Lufttemperatur fühlten sich nicht gerade komfortabel an. Ich begann, mir da schon etwas Sorgen zu machen.
Am Wettkampfwochenende fanden 2 Events statt. Sonnabends waren die Langdistanzathleten dran, sonntags dann die Sportler über die 70.3–Mitteldistanz. Am Freitag kam eine Mail von Ironman. Sie richtete sich an die Teilnehmer der Langdistanz. Wegen der zu erwartenden Lufttemperatur von 5 Grad am Sonnabend um 6.30 Uhr (Startzeit) wurde der Start um 3 h verschoben. Daher entschlossen wir uns, als Zuschauer beim Ironman-Start mit dabei zu sein.
Um 9.30 Uhr waren 9 Grad Lufttemperatur und 16 Grad Wassertemperatur. Wegen der sehr flachen Bucht erfolgte der rollende Start ca. 200 m vom Ufer entfernt von einem Ponton aus. Hier war dann alle 5 Sekunden für einen kleinen Athletenblock der Start. Unglücklicherweise hatte man die Schwimmblöcke, in denen sich die Schwimmer hinsichtlich der zu erwartenden Schwimmzeiten einordneten, viel zu früh ins Wasser geschickt. So standen dann mehr als 1000 Starter wie die Lemminge im eiskalten Wasser und warteten bibbernd auf den Start. Als ich das sah, „fiel bei mir die Klappe“. Ein Blick auf die Wetter-App verriet mir, dass die Langdistanzstarter wahrscheinlich noch trockenen Fußes über die Runden kommen würden. Auch wenn es für die etwas langsameren Athleten ein später (oder früher) Tag werden würde. Zielschluss war nach 16 Stunden, wegen der Startverschiebung dann erst 01.30 Uhr (!!!).
Am Vorabend, noch vor dem Check-in, hatte ich meinen emotionalen Tiefpunkt erreicht. Ich sagte Doreen, dass ich am liebsten alles einpacken und nach Hause fahren würde. Das, was mich am kommenden Tag erwartete, wollte ich mir nicht antun. Da kam es bei ihr aber zu einer heftigen Reaktion, quasi ein „verbaler Einlauf“. Wie ein geprügelter Hund packte ich alles zusammen und fuhr mit dem Bike vom Hotel zur ersten Wechselzone. Der Check-in verlief reibungslos. Alles war hervorragend organisiert, übersichtlich und nicht zu eng. Wenn da bloß nicht das schlechte Wetter wäre ...
Das Gute an Mitteldistanzen ist, dass der Start in der Regel nicht in aller Herrgottsfrühe erfolgt. Um 9 Uhr war Start, man musste also nicht mitten in der Nacht aufstehen. Aber das war in diesem Fall egal. Ich hatte gefühlt kein Auge zugemacht.
Vom Hotel aus ging es am Morgen mit dem Linienbus bis zum Schwimmstart. Dann folgte das übliche Prozedere. Ich hörte bereits den Startschuss, hatte aber keine Eile. Schließlich war es ein rollender Start und es würde mindestens eine halbe Stunde dauern, bis alle im Wasser waren. Ich haderte immer noch mit mir. Die Wassertemperatur betrug 16 Grad, die Lufttemperatur 13 Grad. Die dunklen Wolken hingen sehr tief und ab 10 Uhr sollte es anfangen zu regnen. Ich war äußerlich sehr ruhig, während Doreen kurz vor dem "platzen" war. Mittlerweile zeigte die Uhr schon 9:15 Uhr an. Ich rang innerlich mit mir: Starten oder einpacken? Nach einem ziemlich unwirschen „Jetzt mach endlich …“ ging ich in den Startbereich am Ufer. Alle Athleten waren schon im Wasser und standen an der Plattform. Jani, der letzte Teilnehmer, ging dann allein im knietiefen Wasser an den Start.


Ich schob mich im Pulk der verbliebenen ca. 100 Teilnehmer etwas nach vorne, denn ich wusste, dass sich in der Regel ganz hinten viele Brustschwimmer befinden. Rippenstöße durch ausladende Beinbewegungen wollte ich unbedingt vermeiden.
Dann ging es los: Rauf auf den Ponton, rüber über die Zeitmessmatte und ab ins Wasser! Das Feld war schon sehr weit auseinandergezogen, sodass ich von Kloppereien verschont blieb. Anfänglich kam ich dann auch ganz gut in meinen Rhythmus. Auf den letzten 300 Metern merkte ich jedoch eine deutliche Unterkühlung, die sich durch leichte Zerrungen in den Armen bemerkbar machte. So richtig froh, dem nassen Element entronnen zu sein, war ich allerdings nicht. Im Gegenteil, es wurde schlimmer. Bereits beim Ausziehen des Neoprenanzugs während des Laufs in die Wechselzone begann ich zu zittern. Zwar fand ich schnell meinen Kleiderbeutel und konnte mich auf eine der Bänke setzen, dann geschah jedoch etwas: Ich bekam einen Zitteranfall, den ich nicht mehr kontrollieren konnte. Wegen des zu erwartenden schlechten Wetters hatte ich alles Nötige eingepackt. Über den Einteiler zog ich eine lange Jacke und eine Regenjacke an. Über die Radschuhe zog ich Neoprenüberschuhe an und über die Hände zog ich Handschuhe. Das Zittern ließ etwas nach, sodass ich wieder klar denken konnte. Während der Umziehprozedur – ich brauchte 11 (!) Minuten – sah ich aus den Augenwinkeln, dass sich einige Athleten im blanken Einteiler auf das Bike schwangen. Gleichzeitig begann der angekündigte Regen und mir wurde klar: Der Albtraum wurde wahr. Aber ich wusste, dass ich alle Sportler, die jetzt ohne ausreichende Bekleidung unterwegs waren, wieder einholen würde. 2 ½ Stunden bei 13 Grad im Regen gehen an niemandem spurlos vorbei.
Mit dem Bike ging es auf eine eigentlich wunderschöne, lang gezogene Runde – wenn da nicht der starke Regen gewesen wäre. Es gab riesige Pfützen und mit Wasser gefüllte Spurrillen. Aquaplaning mit dem Rad? Ich weiß nicht, ob es so etwas gibt. Normalerweise würde ich bei solchem Wetter nie fahren. Hier hieß es für mich aber nur noch: so schnell wie möglich, aber auch so sicher wie möglich fahren. Bloß nicht noch „aufs Maul fallen“.

Wie gewohnt sammelte ich wieder viele Athleten ein. Während ich sah, wie das Wasser von meiner Regenjacke abperlte, dachte ich an die „armen Schweine“, die halbnackt auf dem Rundkurs unterwegs waren. Ich machte mir Mut mit dem Gedanken, dass es sich um „gut investierte Zeit“ handelte, als ich zum ersten Mal wechselte. Eigentlich war die Radstrecke ein Ballerkurs. Das war auch ein Grund, weshalb ich mir diesen Wettkampf ausgesucht hatte. Leider ließen die Umstände kein fröhliches Ballern zu. Jedenfalls war ich froh, als ich nach 90 km unbeschadet in den zweiten Wechsel ging. Es regnete immer noch. Glücklicherweise hing mein zweiter Wechselbeutel so günstig am Haken, dass der Inhalt trocken blieb. Mit trockenen Socken und Schuhen ging es dann in den abschließenden Halbmarathon. Es war eine landschaftlich schöne Strecke unmittelbar am Ufer der Ostsee, glatt und sauber. Aber natürlich war sie auch nass und voller Pfützen. Es waren zwei Runden zu laufen. Nach dem Wechsel kam ich gut in Schwung und lief zu meinem Erstaunen eine konstante Pace von 5 min/km. Mir wurde jetzt auch allmählich wieder warm, trotz des immer noch anhaltenden Regens. Einige andere Athleten liefen in Alu-Rettungsdecken eingewickelt. Da wusste ich, dass ich hinsichtlich des unwirtlichen Wetters alles richtig gemacht hatte. Die Pace war auch in der zweiten Runde konstant und meine Laune wurde langsam wieder etwas besser. Das Ziel naht … noch drei Kilometer … noch zwei … letzter Kilometer … Zielkanal … jetzt Startnummer nach vorne, Jacke schließen, Mütze ausrichten … und jubeln. Es war vollbracht, ich hatte es geschafft. Und es hörte auf zu regnen.

Ich konnte Doreen nirgends entdecken, wollte aber auch nicht groß nach ihr suchen. Ich musste dringend ins Warme, duschen und mich umziehen. Alles war bestens organisiert. Der Zieleinlauf lag unmittelbar neben einer großen Sportarena. Es gab ausreichend Toiletten, Umkleideräume, Duschen und Massagemöglichkeiten. Die Zieleinlaufverpflegung konnte man in einer großen Halle einnehmen. Alles war hervorragend auf die hohe Anzahl der Athleten ausgelegt. Auch das Essen war hinsichtlich Vielfalt, Menge und Qualität hervorragend. Ich benötigte etwa eine Stunde, um alles zu erledigen. Erst dann fiel mir wieder Doreen ein. Wir hatten uns nicht verabredet, da wir uns in der Regel nach dem Zieleinlauf immer gesehen hatten. Dieses Mal hatte es aber nicht geklappt. Also raus aus der Arena und suchen. Mein Handy hatte ich ja nicht dabei. Aber wenn zwei sich suchen …
Ich ging zur Wechselzone und holte das Bike und meine Klamottensäcke. Meine Hoffnung, Doreen dort irgendwo zu treffen, erfüllte sich nicht. Daher entschloss ich mich, allein zum Hotel zurückzukehren.
Sie war nicht im Hotel. Aber in meinem Zimmer lag noch mein iPad. Ich öffnete WhatsApp und las: „Bist du im Hotel? Ich warte seit über einer Stunde.“ Oh je, da war ihre Laune im Keller, das wusste ich. Ich konnte ihr jetzt aber antworten, woraufhin sie sich auf den Heimweg machte. Zwischenzeitlich habe ich dann den Zieleinlauf gecheckt. Ich bin auf dem dritten Platz in der Altersklasse gelandet und konnte es kaum fassen. Und das nach diesem Fiasko!
Kurz darauf kam auch Doreen im Hotel an. Sie war noch ganz aufgebracht und hatte sich Sorgen gemacht. Es hätte schließlich etwas passieren können. Die Krankenwagen im Zielbereich waren nicht zu übersehen. Aber nun war ja alles gut. Um 19 Uhr sollte die Siegerehrung stattfinden, also mussten wir noch einmal hin.
Der Aufruf meines Namens und das Stehen auf dem Siegerpodest lösten ein großes Glücksgefühl in mir aus. Platz 3 bei einem international besetzten Rennen – das war doch schon etwas. Ein kleiner Fauxpas bei der T-Shirt-Wahl: Da meine RIEMER-MTC-Klamotten versifft und verdreckt im Hotel schlummerten, hatte ich ein „Challenge Roth”-Shirt an. Und das bei Ironman … Na ja, hat aber keiner so richtig gemerkt.

Nach der Siegerehrung folgte der spannendste Teil des Abends: die Slotvergabe für die Ironman-70.3-Weltmeisterschaft in Nizza.
Seit dem 1. Juli 2025 gibt es ein neues Vergabeverfahren für die Slots. Ich erspare mir an dieser Stelle die Details. Nur so viel: Die Einlaufzeiten werden mit einem Altersklassenfaktor versehen, sodass eine zweite, altersklassenbereinigte Einlaufliste entsteht. Sobald die automatischen Qualifikationsplätze an die Altersklassen-Sieger vergeben sind, wandern die übrigen Slots in einen sogenannten „Performance-Pool“. Danach wird die Liste mit den altersklassenbereinigten Endzeiten Slot um Slot in einem Roll-down-Prozess abgearbeitet, bis alle WM-Tickets vergeben sind.
Wir verfolgten die Slotvergabe mit Spannung. Bei den Herren gab es 35 Slots, wovon 25 Slots im Performance-Pool landeten. Name um Name wurde aufgerufen. Einige Athleten nahmen den Slot an, andere verzichteten oder waren gar nicht bei der Vergabe anwesend.
Der Pool leerte sich. Noch drei Slots … noch zwei Slots … und dann, der letzte Slot: Jan Roeder, Germany. Ich sprang auf und rief: „Ja, ja, ja …“. Völlig aus dem Häuschen lief ich zur Bühne, nahm den Slot und die Qualifikationsurkunde in Empfang. Anschließend wurde ich zu den Ironman-Mitarbeitern geleitet, um die Startgebühren für Nizza zu bezahlen. Ausweis, Kreditkarte … und schon waren 810 € weg.


Aber das war jetzt egal, zumal wir mit einem solchen Betrag gerechnet hatten. Danach offenbarte mir Doreen, dass sie bereits im Juni, also zwei Monate vor dem Start in Tallinn, eine Ferienwohnung in Nizza für den Zeitraum der WM gebucht hatte. Einerseits glaubte sie fest daran, dass wir es schaffen, andererseits sind Unterkünfte in Nizza ohnehin unverschämt teuer. Durch eine Frühbuchung konnten die Kosten auf ein erträgliches Maß gesenkt werden. So endete dann der Tag, erschöpft, aber glücklich. Wir blieben noch 2 weitere Tage in Tallinn und fuhren dann in 2 Tagesetappen nach Magdeburg zurück.
In den folgenden Tagen ließ ich es mit dem Training ruhiger angehen, um gut zu regenerieren. Schließlich stand in knapp zwei Wochen noch die Landesmeisterschaft im Triathlon über die Sprintdistanz am Bergwitzsee an. Ich war ohnehin sehr entspannt, da ich mein Saisonziel, die Qualifikation für die Mitteldistanz-WM 2026 in Nizza, bereits erreicht hatte. Da es bei dem kommenden Wettkampf nur um kurze Einzeldistanzen ging, machte ich keine speziellen Vorbereitungen, sondern startete weitestgehend aus dem Training heraus.
Der rollende Start beim Bergwitz-Triathlon, der bei den Landesligawettkämpfen einzigartig ist, war sehr angenehm. Dadurch wurde das Starterfeld weit auseinandergezogen, sodass es auf der Radstrecke zu keiner großen Pulkbildung kam. Ich kam mit der kurzen Schwimmdistanz relativ gut zurecht, auch wenn es wieder nur für das hintere Mittelfeld gereicht hat. Auf der Radstrecke konnte ich mein Potenzial jedoch wieder gut ausspielen. Die Wechsel klappten ebenfalls, sodass ich entsprechend motiviert die 5-km-Laufstrecke in Angriff nahm. Ich fühlte mich gut. Die angestrebte Pace konnte ich erreichen und auch halten. Die Strecke führte durch Wald und Heide auf gut befestigten Wegen. Sie war landschaftlich schön und abwechslungsreich. Ohne zu wissen, wo ich im Rennen stand, konnte ich den letzten Kilometer sogar noch etwas sprinten. Aufgrund des rollenden Starts stand dann nach ein paar Minuten fest: Es hat wieder für Platz 1 in der Altersklasse gereicht. Ich bin Sieger und damit auch Landesmeister im Triathlon-Sprint.


Es war inzwischen Anfang September. Der Saisonhöhepunkt und gleichzeitig auch der Saisonabschluss stand aber noch bevor. Wie bereits geschrieben, hatte ich mich für eine mögliche Qualifikation zur Ironman-70.3-WM ja noch bei einem zweiten Wettkampf angemeldet, sozusagen als Backup. Da wir dem schmuddeligen Herbstwetter in Deutschland ohnehin für drei Wochen entfliehen wollten, hatten wir uns als zweite Location die Insel Phu Quoc in Vietnam ausgesucht. Der Termin war der 16.11.2025, also hatten wir nach dem Triathlon-Sprint am Bergwitzsee noch über zwei Monate Zeit. Auch wenn ich mit dem errungenen Slot in Tallinn mein Saisonziel bereits erreicht hatte, wollte ich dieses Event nicht auf die leichte Schulter nehmen. Eine Entscheidung, die ich frühzeitig traf, war der Verzicht auf die Mitnahme meines Zeitfahrrads. Wir sind schon ein paar Mal mit dem Bike gereist. Das war immer mit großem Aufwand verbunden, da der Karton sehr groß war, und meist gab es mit dem Fahrrad auch immer irgendwelche Probleme. Daher plante ich, mir vor Ort ein Fahrrad zu mieten. Ich schrieb an Ironman Vietnam und fragte nach den Firmen, die für den Bike-Service zuständig sind. Es wurden zwei Unternehmen genannt. Leider war bei beiden kein Zeitfahrrad mehr vorrätig, lediglich die Anmietung eines Rennrads war noch möglich. Da es bei dem Rennen für mich im Grunde um nichts mehr ging, entschied ich mich für die Anmietung eines Rennrads. Danach reifte in mir die Idee, das Rennrad mit zusätzlichen Armauflagen und Extensions auszustatten. Bei meinem ersten Triathlon im Jahr 2008 in Moritzburg – im Übrigen gleich eine Langdistanz – fuhr ich auch mit einem umgebauten Alurenner. Hier hatte ich zusätzlich eine gekröpfte Sattelstütze montiert, damit der Sattel für eine gute Aeroposition weiter nach vorn kommt. All das alte Material schlummerte noch in meinem Keller. Um ein Gefühl dafür zu bekommen, was mich mit dem gemieteten Rennrad in Phu Quoc erwarten würde, montierte ich alle Teile wieder an mein altes Rennrad von 2008.
Nach einigen Trainingsausfahrten hatte ich ein gutes Setup eingestellt, das im Grunde dem von meinem TT entsprach. Bei den Tests fuhr ich auf meiner Hausstrecke Königsborn–Möckern mit dem TT und dem umgebauten RR eine identische 40 km lange Strecke im Ballettempo. Ergebnis: Trotz der höheren Leistung des RR war ich mit dieser Maschine 2,5 km/h langsamer als mit dem TT. Um das Ergebnis abzusichern, wich ich danach probehalber auf meine „Ersatz-Hausstrecke“ aus: 40 km Ballern zwischen Hohenwarte und Burg. Das Ergebnis war mit dem ersten Test fast identisch.


Der Umbau des vor Ort gemieteten Rades war ein Thema, zu dem ich mir viele Gedanken machte. Ich musste Fragen klären wie: - Welche Lenkerform hat das RR? Bekomme ich die Armauflagen daran fest? Welche Form hat die Sattelstütze? Passt meine gekröpfte Sattelstütze in die Sattelstützenaufnahme des Rennrads?
Da ich plante, mir auch einen Satz Laufräder mitzunehmen (Tri-Spoke vorne und Scheibe hinten), stellte sich die Frage, ob diese so ohne Weiteres zu montieren sind und ob sie zu den vorhandenen Felgenbremsen passen.
Ich suchte mir einen umfangreichen Werkzeugsatz zusammen. Für den Fall, dass die gekröpfte Sattelstütze nicht passen sollte und ich die vorhandene Stütze benutzen müsste, baute ich mir als Alternative einen Adapter. Mit diesem Teil konnte ich den Sattel ca. 5 cm weiter nach vorne bringen. Für eventuelle Umbauten hatte ich neben dem „normalen“ Fahrradwerkzeug noch verschiedene Schrauben in unterschiedlichen Längen und Durchmessern dabei, ebenso ein Eisensägeblatt, einen Satz Schlüsselfeilen, verschiedene Zangen und sogar einen Minischraubstock. Das hört sich jetzt nach viel Zeug an, passte aber in die Hälfte eines kleinen Koffers. Für die Laufräder hatte ich eine abgepolsterte Laufradtasche dabei.
So ausgerüstet, ging es dann zusammen mit dem restlichen Urlaubsgepäck von Frankfurt aus nach Ho-Chi-Minh-Stadt und von da aus mit einem Inlandsflug weiter nach Phu Quoc. Die Insel hat enormes Potenzial und könnte etablierten Urlaubsorten in Südostasien durchaus den Rang ablaufen. Urlaubs-, Wohn- und Hotelressorts schießen dort wie Pilze aus dem Boden. Allerdings fehlt derzeit die Nachfrage. Wir hatten in einer hervorragenden Anlage ein großes Hotelzimmer gebucht. Die Anlage „Waterfront“ war höchstens zu einem Viertel belegt, ja, da konnte man es gut aushalten. Die Lufttemperatur betrug tagsüber 28 Grad (im Schatten) und nachts 27 Grad. Die Wassertemperatur betrug ebenfalls 27 Grad.


Aufgrund der Zeitverschiebung von sechs Stunden sind wir fünf Tage vor dem Wettkampf angereist, um uns einigermaßen an die neue Zeitzone anzupassen. Am Donnerstag vor dem Rennen war dann auch die Firma für den Bike-Service vor Ort.
Ich holte das reservierte Rennrad ab. Da ich bereits eine Ahnung davon hatte, was mich erwarten würde, hielt sich meine Enttäuschung noch in Grenzen. Geärgert habe ich mich aber trotzdem. Das Mietbike, ein einfaches Rennrad, war in einem sehr schlechten Zustand. Das Hinterrad hatte einen heftigen Schlag. Die Hinterradbremse stellte sich nicht von selbst zurück und alles war vergammelt. Insgesamt war das Rad auch ziemlich schmutzig. Die verrostete Kette war einfach in Öl getränkt. Die Schaltung war ebenfalls komplett beschädigt. Und dafür musste ich dann auch noch 200 USD bezahlen.
Ich konnte die Montagekünste der „Experten“ gut beobachten, weshalb ich gleich von einer Reklamation abgesehen habe. Hauptsache, ich hatte erst einmal ein Bike. Alles, was ich für ein Tuning brauchte, war ja da. Nach zwei Stunden Rummorkeln und Umbauen hatte ich dann auch alles ganz gut hinbekommen. Wie befürchtet, passte meine mitgebrachte gekröpfte Sattelstütze nicht. Aber dank meines konstruierten Adapters konnte ich den Sattel schließlich in die richtige Stellung bringen, um eine gute Aeroposition zu erreichen.



Insgesamt unternahm ich zwei Testfahrten. Bereits beim ersten Mal stellte ich fest, dass die Kette beim Schalten auf das kleine Kettenblatt „herunterfiel“. Eine Einstellung des Umwerfers war nicht möglich, da die Einstellschrauben völlig vergammelt waren und kein Imbusschlüssel mehr griff. Da die Anstiege zwar lang, aber moderat waren, probierte ich bei der zweiten Testfahrt, ob man auch ohne Kettenblattwechsel auf dem großen Blatt hochkommt. Das Ergebnis war zufriedenstellend, wenn auch nicht optimal. Aber ich bevorzuge es, hier etwas „zu drücken“, als einen Kettenfaller zu riskieren. Die mitgebrachten Laufräder waren gewissermaßen der Turbo dieses Bikes und ich war bei entsprechendem „Reinlatschen“ auch schnell unterwegs. Doch zu welchem Preis? Selbst bei Fahrtwind war die Hitze am Rande der Erträglichkeit. Es tropfte aus dem Helm, was für mich ein Alarmsignal ist. Da war klar, dass das richtige Pacing hier entscheidend wichtig war. Insgesamt war ich nach den beiden Tests sehr zufrieden mit dem Umbauergebnis.
Das Ressort lag unmittelbar am Strand, sodass Baden und Schwimmtraining auch zur Abkühlung dienten. Da die Wassertemperatur bei 27 Grad lag, konnte ich ohne Neoprenanzug schwimmen. Ich machte noch einige Versuche mit den mitgebrachten Einteilern. Der aktuelle MTC-Vereinseinteiler hatte schon etwas an Elastizität verloren. Er saß nicht mehr straff, blähte sich im Wasser auf und erzeugte Bremswirkung. Unter einem Neo getragen, okay. Aber als reines Schwimmteil war er nur noch bedingt geeignet. Mein älterer MTC-Einteiler ohne Ärmel saß straff und schwamm sich gut. Allerdings ließ er sich nur von hinten öffnen und schließen, was ein Manko bei diesem Modell ist. Außerdem schnürte er den Halsbereich sehr ein, sodass es auf Dauer, insbesondere beim Laufen, unangenehm geworden wäre.
Als drittes Modell hatte ich noch einen Einteiler von Orca dabei, der hinsichtlich Material und Passform eher fürs Schwimmen ausgelegt war. Dieser Anzug ließ sich von vorn öffnen, was mir für den Laufsplit wichtig war. Daher fiel meine Entscheidung auf das Modell von Orca.


Ich habe nur einmal einen Lauftest absolviert. Es waren 2 x 2 km im lockeren Trab, wobei mir „die Suppe“ aus allen Poren schoss und mein Puls in die Höhe schoss. Auf Basis dieser Erkenntnisse schmiedete ich meine Rennstrategie: Zusammenstöße mit anderen Schwimmern vermeiden und einigermaßen gut aus dem Wasser kommen. Keine Fehler beim Wechsel machen. Beim Radsplit etwas „rausnehmen” und den Puls im Auge behalten. Überholvorgänge optimal gestalten, um nicht in die Windschattenfalle zu tappen. Zeitstrafen unbedingt vermeiden. Und beim Laufen dann kühlen, kühlen, kühlen. Meine Verpflegungsstrategie hatte ich oft genug erprobt, daran hielt ich fest. „Es ist ja nur ein halber …“, auch wenn die klimatischen Verhältnisse ungewohnt sind.
Ja, und dann war auch schon Samstag. Das hieß: Alle Vorbereitungen abschließen, das Bike einchecken, sich noch einmal den Bauch vollschlagen und entspannen.

Der Startschuss fiel am Sonntagmorgen um 6 Uhr. Für eine Mitteldistanz zwar ungewöhnlich, angesichts der zu erwartenden Hitze durch die Sonneneinstrahlung aber eine gute Entscheidung der Organisation. Im Hotel war man auf den Ironman gut vorbereitet. So konnte man bereits um 4 Uhr frühstücken oder sich ein zusammengestelltes Menü bringen lassen. Wer die zehnminütige Fußstrecke scheute, konnte ein vom Hotel zur Verfügung gestelltes Shuttle nutzen, das alle zehn Minuten fuhr. Die Wechselzone war sehr großzügig angelegt und es war alles Notwendige in ausreichender Menge vorhanden. Der Startbereich war bestens organisiert.


Mit dem rollenden Start ging es für mich um 6:09 Uhr ins Wasser. Das Meer war sehr ruhig, es gab weder Wind noch Wellengang. Durch den Auftrieb des Salzwassers fiel das Neoverbot für mich nicht sehr ins Gewicht, auch wenn ich mit 40:24 Minuten wieder nur mittelmäßig unterwegs war. Im Wasser selbst war es hinsichtlich der Temperatur natürlich sehr angenehm und das auseinandergezogene Starterfeld verhinderte die sonst üblichen Kloppereien bei einem Massenstart. Die großzügige und übersichtliche Wechselzone begünstigte einen schnellen Wechsel, sodass ich entsprechend motiviert mit meinem umgebauten Gurkenhobel die 90 km in Angriff nahm. Die Strecke war eine flache Ballerstrecke auf einer Schnellstraße, von der zwei Fahrspuren für die Athleten komplett gesperrt waren. In den Kreuzungsbereichen musste man trotzdem aufpassen, da es immer wieder einem der zahlreichen Mopedfahrer gelang, sich auf die Strecke zu mogeln.


Ich bin die Sache verhalten angegangen. Zwar war ich schnell, habe mich bei den Überholvorgängen aber nicht von der Euphorie zu einem Überpacen verleiten lassen. Was hier „verbrannt“ war, konnte man nicht mehr ersetzen – schon allein wegen der Hitze nicht. Das wusste ich. Ich fuhr mehr nach Puls als nach den angezeigten Wattwerten. Aber es ging trotzdem voran, das war zu spüren.
Betrachtet man die Streckenführung, so erkennt man eine etwa drei Kilometer lange Verbindungsstraße zwischen den langgezogenen Abschnitten der Schnellstraße. Hier ging es quasi durch den Urwald. Schilder warnten vor wilden Tieren. Der Straßenbelag war hier ziemlich schlecht und teilweise sehr verschmutzt. Daher nahm ich etwas Geschwindigkeit raus und dachte: „Bloß nicht stürzen oder einen Defekt erleiden!“ Nach ca. eineinhalb Stunden wurde der Wind dann spürbar stärker. Das spielte mir in die Karten, denn der Segeleffekt beider Laufräder war jetzt deutlich zu spüren. Das gab mir emotional noch einmal Zuversicht, denn ich war immer noch auf der Überholspur. Nach 2:32 h war es geschafft. Mit einem Schnitt von knapp 35,6 km/h konnte ich angesichts der klimatischen Verhältnisse und des umgebauten Rennrads ganz zufrieden sein.
Der zweite Wechsel war nicht superschnell, aber fehlerfrei. Helm ab, Socken und Laufschuhe an, Mütze auf – und los ging's. Doreen wartete am Ausgang der Wechselzone und rief mir zu: „Du bist Erster, sechs Minuten vor dem Zweiten!“

Jetzt hieß es, einen kühlen Kopf zu bewahren – und das im wahrsten Sinne des Wortes. Es waren zwei Runden à 10,5 km zu laufen. Die einfache Wendestrecke war asphaltiert und betoniert, führte direkt am Strand entlang und befand sich in einem guten Zustand. Die Verpflegungsstationen waren im Abstand von ca. 1,5 km positioniert. Neben den üblichen Produkten wurden auch Eisbomben zur Kühlung gereicht. Ich konnte eine davon in einem Folienbeutel verpackt unter der Mütze platzieren, sodass mein Kopf schön gekühlt wurde. Es gab auch ausreichend Wassertonnen, aus denen man sich auf Wunsch von den Helfern mit Wasser übergießen lassen konnte. Schatten gab es leider so gut wie keinen. Ich lief im Trainingsmodus und war immer noch darauf bedacht, noch etwas zulegen zu können. Leider ging der Puls unmittelbar nach Laufbeginn auf 160 hoch und pendelte um diesen Wert. Angesichts der zu bewältigenden 21 Kilometer empfand ich dies als kritisch. Ich wusste, dass ich die Sache behutsam angehen musste. Einerseits, um mir keine Verletzung zuzuziehen, und andererseits, um keinen Hitzekollaps zu erleiden. Es war sehr heiß und feucht, über 30 Grad. Allerdings zog sich der Himmel etwas zu und der Wind frischte weiter auf. Das bedeutete weniger Sonneneinstrahlung und etwas mehr Kühlung. Ich hielt an jeder Verpflegungsstation an und nahm Flüssigkeit zu mir. Nach sieben Kilometern nahm ich dann das erste Gel zu mir. Die Verpflegungsstopps brachten die Kilometerpace auf der Uhr zwar etwas durcheinander, aber wenn ich lief, war die Pace mit etwas über 5 min/km fast konstant.
Am Ende der ersten Runde war Doreen wieder an der Strecke und sagte: „Fünf Minuten Abstand zum Zweiten. Er holt jetzt aber 15 Sekunden pro Kilometer auf!“ Na, das war doch mal eine Ansage! Ich konnte noch rechnen und wusste, dass der Vorsprung für die letzten 10,5 km reichen sollte, wenn ich jetzt nicht einbreche und die Pace einigermaßen halte. Ich fühlte mich ungemein beflügelt, auch wenn ich unter der Hitze litt. Ich wusste, ich war auf der Siegerstraße. Den anderen Athleten ging es schließlich auch nicht besser. Jetzt gleichmäßig weiterlaufen, durchhalten und keinen Fehler machen! Kilometer um Kilometer spulte ich ab. Nach der letzten Wende versuchte ich zu erkennen, wer mein möglicher Verfolger in meiner Altersklasse sein könnte. Das konnte ich aber nicht mit Bestimmtheit erkennen. Also weiter, noch 5 km, dann 4 km. Ich sehnte das Ende herbei, denn ich war zugegebenermaßen auch ziemlich erschöpft. Ich lief in den 21. Kilometer und ließ die letzte Verpflegungsstation aus. Noch 500 Meter … noch einmal Tempo erhöht … Ich hörte schon das Wummern der Boxen und die Ansagen des Sprechers. Und dann: roter Teppich, Zielkanal, Torbogen … Ich war durch … „Ja, ja, ja!“ … Und dann nur noch Glücksgefühle, es war unbeschreiblich. Diesmal stand Doreen direkt an der Absperrung im Zielbereich. Ich hörte, wie sie rief: „Janiii, du hast es geschafft! Du bist Erster!“


In Tallinn wurde ein großes, trockenes Handtuch gereicht, mit dem man sich wärmen und abtrocknen konnte. Hier hingegen warfen die Helfer den Teilnehmern ein nasses, in Eiswasser getauchtes Handtuch über. Zunächst musste man sich abkühlen und etwas trinken. Der Flüssigkeitsverlust war enorm, schließlich waren es über 30 Grad im Schatten. Ich vereinbarte mit Doreen einen Treffpunkt und eine Zeit, sodass ich den Zielbereich mit all seinen Annehmlichkeiten nutzen konnte. Auch hier war alles bestens organisiert. Es gab Duschen, Umkleidemöglichkeiten, Verpflegung und Getränke in ausreichendem Umfang. Ein Physiostudio war mit sechs Massageliegen vor Ort. Die Mitarbeiter des Studios haben mich fast schon genötigt, eine Entspannungsmassage in Anspruch zu nehmen. Nach dieser Anstrengung ließ ich mir das nicht zweimal sagen. Auch hier waren erstklassige Therapeuten am Werk. Ca. eine Stunde nach dem Zieleinlauf ging es mir schon wieder gut. Ich holte das Bike ab, traf mich mit Doreen und zusammen gingen wir ins Hotel zurück. Dort konnten wir noch ein wenig relaxen, bis wir uns gegen 17 Uhr auf den Weg zur Siegerehrung machten. Diese fand im großen Außenbereich der Phu Quoc Marina, einem großen Hotelkomplex, statt. Alles fand unmittelbar am Strand unter Palmen statt. Und dann endlich der Aufruf der Altersklasse 60–64, Männer: Jan Roeder – Germany. Platz eins und ganz oben auf dem Treppchen. Ein wunderschönes Gefühl! Und dieses Mal auch mit einem RIEMER-MTC-Shirt. Es war mein erster Sieg bei einem internationalen Wettkampf.

Wir hatten zwischenzeitlich die Splitzeiten der Podiumsathleten gecheckt. Ich kam als Sechster aus dem Wasser, hatte die mit Abstand beste Radzeit und die zweitschnellste Laufzeit. Die auf dem Bike herausgefahrene Zeit reichte aus, um das mittelmäßige Schwimmen deutlich zu kompensieren. Meine solide Laufleistung mit der zweitschnellsten Zeit ließ den direkten Verfolger zwar noch einmal herankommen, sicherte mir aber letztendlich einen klaren Vorsprung von 5:32 Minuten. Die Zeiten lassen erahnen, dass das richtige Pacing entscheidend war und einige Athleten die klimatischen Bedingungen unterschätzt hatten.


Nach der Siegerehrung gab es eine kurze Pause. Ich nutzte diesen Moment, um mit dem anwesenden Mark Allen ein wenig Small Talk zu machen. Die Älteren unter uns kennen ihn vielleicht noch. Er ist eine Triathlonlegende aus den 80er- und 90er-Jahren mit sechs Siegen beim Ironman Hawaii und zehn Siegen beim „Triathlon International de Nice“. Legendär ist der „Iron War“ von 1989 mit Dave Scott, den Mark Allen gewann.


Kurz darauf begann die Slotvergabe für die Ironman-70.3-WM in Nizza. Man begann mit den Damen. Die erste Überraschung: Die Slots waren nicht sofort weg und die Vergabe zog sich endlos hin. Der Sprecher verkündete schließlich: Jede Athletin, die das Ziel erreicht hatte, konnte sich melden. Es waren noch zehn Slots zu vergeben, und neun Mädels hoben die Hand. Ich erspare mir eine Wertung. Allerdings bestätigte sich hier eine Tendenz, insbesondere bei den Damen. Beim Ironman 70.3 in Tallinn war es ähnlich. Hier war die Nachfrage noch geringer. Nach endlosen Aufrufen der Namen waren noch 17 Slots übrig und auf Nachfrage hoben 14 Finisherinnen die Hand. Drei Slots konnten nicht vergeben werden.
Dann folgte die Slotvergabe bei den Herren. Hier ging es deutlich schneller und viele Finisher nahmen den Slot an. Als die Altersklasse 60–64 erreicht war, wurde ich noch einmal kribbelig. Was für ein tolles Gefühl, als Erster aufgerufen und gefragt zu werden! Und sich dann nicht zu melden, weil man ja bereits einen Slot hat. Spätestens da wusste ich: Ich bin endlich da, wo ich schon immer sein wollte. Ganz oben. Endlich hatte ich es auch den letzten Kritikern gezeigt, die mir die Slot-Qualifikation beim Ironman 70.3 in Tallinn nur den glücklichen Umständen zugestanden.
Der Ironman 70.3 Phu Quoc war bestens organisiert und ließ kaum Wünsche offen. Das Ressort am Austragungsort selbst kann man noch als Geheimtipp betrachten: Alle Anlagen waren neu und modern. Die Auslastung mit Urlaubern war sehr moderat und das Preisniveau mehr als fair. Hier bietet sich auch eine gute Gelegenheit, dem grauen Novemberwetter in Deutschland zu entfliehen. Wer also im November einen Sommerurlaub machen und dabei noch einen Triathlon absolvieren möchte, für den ist Phu Quoc das richtige Reiseziel. Mal sehen, ich glaube, wir waren nicht zum letzten Mal hier.


Mit diesen Eindrücken beende ich den Bericht und bedanke mich bei allen, die mich in diesem Jahr unterstützt und motiviert haben. Erwähnt werden sollten hier noch das Team von „Lucky Physio“ und die „Körperstrategen“. Julia und Karuna hatten „goldene Hände“ und sorgten so für eine gute Regeneration und Verletzungsprophylaxe.
Und ganz besonderer Dank geht natürlich an meine liebe Frau Doreen: Partnerin, Organisatorin und Coach zugleich.
Danke

